"WECHSELWIRKUNG" Aldingen, Galerie im Altbau, 22.09.2018



Guten Abend, sehr geehrte Damen und Herren,
seit zig Jahren immer wieder dasselbe Bild – so auch heute Abend: Die Vernissage einer Ausstellung von Maria Magel (MM) war immer ein besonderes Event – gewissermaßen ein Besuchermagnet, egal ob Bilderzyklen, Figurales oder themenbezogene Arbeiten gezeigt wurden. Meine Erfahrung über einen inzwischen recht langen Zeitraum war und ist die: Klar, die Menschen kamen, weil sie sehen wollten, was MM Neues im Programm hatte. Aber zumeist kamen sie wegen der Künstlerin, zu der viele doch eine sehr persönliche und empathische Beziehung pflegen.


Das war und ist auch an diesem Tag so. Oder darf ich mal fragen: Wer kam heute aufgrund des Ausstellungstitels "Wechselwirkung" nach Aldingen?
Wechselwirkung? – Ich habe im Vorfeld einige Bekannte gefragt, was ihnen spontan zu diesem Begriff einfällt. Die meisten haben erst mal ganz verdutzt geschaut, sich gar geschüttelt oder sich achselzuckend um eine klare Äußerung gewunden. Nur einer hat mir eine präzise Antwort gegeben, was mich wiederum nicht verwunderte, denn der ist Physiklehrer. Doch dazu später mehr.
Selbst wenn die meisten sich vorab nicht mit dem Titel "Wechselwirkung" auseinandergesetzt haben, so hat diese Überschrift ganz bestimmt eines ausgelöst, nämlich Neugier. Damit alle verstehen, was ich meine, könnte man dies auch umschreiben mit "Wunderfitz". Und das ist das allerwichtigste, um in einen Lernprozess einzusteigen, um überhaupt zu lernen. Das sage ich zu Beginn meiner Gedanken durchaus bewusst, aus meiner beruflichen Erfahrung heraus, jedoch ohne Sie im Folgenden oberlehrerhaft langweilen zu wollen.
Dennoch: Wechselwirkung ist für Sprachler lexikalisch eindeutig – ein Wort, das mehrere, unterschiedliche Begriffe bezeichnet. Nun ist dieser Rahmen nicht der Ort für sprachwissenschaftliche Erläuterungen, doch eines müssen Sie sich, liebe Besucherinnen und Besucher, bewusst sein: MM überlässt nichts dem Zufall. Und so ist auch dieser Ausstellungstitel gezielt gewählt und erst nach langem Überlegen festgelegt worden.
Mit Wechselwirkung versteht man einmal das wechselseitige Aufeinanderwirken von Menschen und Systemen. Dieses will ich ausgehend vom Motiv der Einladungskarte verdeutlichen: Es zeigt die Marie in einer auf Leinwand überarbeiteten Printversion.


Und in der Ausstellung entdecken wir dieses Motiv in zwei Versionen und in unterschiedlichen Größen. Direkt darunter haben wir die Marie als Kopfstein im bekannten Magelschen Quadrat. Und als Vollplastik in Kaltbronze begegnen wir der Marie in dieser Ecke des Museums ebenfalls. Dazu kommt noch der mit Farbe bearbeitete Kopfstein im Regal. Alle verschiedenen Werke treffen sich hier im Raum, treten gewissermaßen in Interaktion – sie agieren und reagieren aufeinander. Und in diesen Prozess werden wir als Betrachter einbezogen und spüren, wie die unterschiedlichen Werke unsere Wahrnehmung beeinflussen und wir gleichfalls unterschiedlich auf die Exponate reagieren. Eine Wechselwirkung erfolgt so einmal auf dieser hypothetischen Ebene der Kunstwerke, aber auch im Zusammenspiel mit uns, die wir uns auf die verschiedenartigen Werke einlassen.


Bleiben wir zunächst bei den plastischen Arbeiten: Da nehmen die Großplastiken Raum ein und beherrschen die Szene, sobald wir durch die Eingangstür gehen – zumindest wenn der Ausstellungsraum so gut wie menschenleer ist. Im vorderen Bereich entdecken wir die Darstellung einer von Mythen und Geheimnissen umgebenen Nymphe – ein Objekt, welches bei der Jahresausstellung in der Galerie Tuttlingen 2017 bereits präsentiert wurde. Die erste Bronzestatue von diesem Typus steht seit 2016 in einer Schloss- und Gartenanlage in Südfrankreich – traumhaft integriert und mit Blick auf das Mittelmeer. D.h., diese Nymphe Nr. 2 ist noch zu haben, falls Sie ein ähnlich adäquates Plätzchen für sie hätten!

Und im hinteren Teil des Raums dominiert Gaia. Den Namen hat MM aus der griechischen Mythologie übernommen. So wurde die Göttin Erde bezeichnet – die Ur-Mutter, von der alles Leben stammt. Umschreiten Sie nachher mal diesen Torso und entdecken Sie selber die konvex und konkav wechselnden Formelemente sowie die scharf geschnittenen Flächen. Enträtseln Sie dieses voluminöse Objekt aus Epoxitharz und erschließen Sie sich dabei die Fülle, die Vielfalt und den Reichtum an Formen und stellen Sie Parallelen her zu den vielfältigen Landschaften unserer Erde. Und wenn Sie Ihre Beobachtungen und Erfahrungen untereinander austauschen, dann können Sie unmittelbar erfahren, was das Motto der Ausstellung bei Ihnen auslösen kann und auch soll, nämlich Kommunikation und soziale Interaktion – ein zentrales Anliegen von Kunst ohnehin.


Immer wieder ein Exponat der besonderen Art ist für mich der Bronzeguss mit dem Titel "Buchhändlerin". Zwei Aspekte sind es, die mich bewegen, näher darauf einzugehen. Zum einen zeigt uns die Arbeit, wie MM vorgeht bzw. wie sie zu ihren Werken kommt. Denn diese Buchhändlerin gibt es tatsächlich – und sie übt diesen Beruf ganz in der Nähe auch aus. Am Anfang steht also eine reale Begegnung der Künstlerin MM mit einem Menschen: ein Ausgangspunkt, der Ideen freisetzt und einen künstlerischen Prozess in Gang setzt, ohne genau zu wissen, was am Ende dabei herauskommt. Und der weitere Grund, weshalb ich näher auf das Werk eingehe: Immer dann, wenn es bei der künstlerischen Umsetzung neben allen personenbezogenen Aspekten um die Darstellung von Typen und Gattungen geht, spielen Attribute und Bilder eine wesentliche Rolle. In diesem Falle sind es Bücher, die aufgestapelt liegen, der Kopf der Frau ist leicht nach hinten geneigt, der Nacken ist an den Bücherstapel angelehnt und die langen Haare umschließen diesen teilweise. Die Augen sind geschlossen.
Das alles nehme ich wahr – und auch Sie werden mit Ihren Augen nichts anderes wahrnehmen. Was das Bild jedoch bei jedem von uns auslöst, das kann durchaus unterschiedlich sein. Meine Gedanken dazu: Ich denke an eine Buchhändlerin, die sich in der Literatur auskennt, die nicht erst ins Internet muss, wenn Fragen zu Klassik und Moderne gestellt werden. Eine Buchhändlerin, die nicht in erster Linie an Geschäft und Verkaufszahlen denkt, sondern beraten und erklären sowie Geschichten nacherzählen kann. Eine Buchhändlerin, die mehr verkörpert als das, was wir heute geschäftsmäßig mit Fachkompetenz bezeichnen. Für mich ein Idealtypus. Und wenn ich das ausdrucksstarke Gesicht der Figur auf mich wirken lasse, dann empfinde ich spontan Zufriedenheit, Glück, Anerkennung und Bestätigung.
Ich lade Sie ein, nachher selbst die Begegnung mit Kunst mal auf diese Weise bei einzelnen Werken bewusst zu steuern: Einmal genau hinzuschauen und objektiv wahrzunehmen, was alle sehen können, um dann in einem zweiten Schritt sich auf diese mehr emotionale Ebene einzulassen, nämlich alles auf sich wirken zu lassen und die Eindrücke mit den jeweils persönlichen Erfahrungen, Kenntnissen und Gedanken zu verbinden.
Im Grunde arbeitet die Künstlerin MM ganz ähnlich: Sie nimmt etwas wahr, ist erstaunt, verbindet ihre Wahrnehmung mit ihren Erfahrungen und ihrer Lebensgeschichte, spinnt daraufhin Ideen, überträgt Bilder in andere Bereiche, setzt Vorstellungen um, verbleibt aber im ursprünglichen Kontext. Das ist ein Grundmuster kreativen Gestaltens – gleichermaßen ist es aber auch die Grundstruktur der Rezeption, der Kunstbetrachtung: Wir schauen und nehmen etwas wahr, staunen und genießen, interpretieren und assoziieren. Beide Vorgänge, Produktion und Rezeption, basieren auf dieser Logik. Wäre das nicht so, könnten sich Kunstschaffende nicht mitteilen bzw. Kunstbetrachtende nicht verstehen. Die beiden Vorgänge sind folglich nicht voneinander zu trennen und führen so über das Kunstwerk zu einer Wechselwirkung, zur Begegnung der Künstlerin bzw. dem Künstler und uns als Betrachtende.

Nach diesem kleinen Exkurs aber nun weiter zu den Elementen dieser Ausstellung: Aus der Kategorie der Objektkunst entdecken wir die "Große Schulter" im Eingangsbereich und als Pendant ein weiteres Exemplar in der hinteren Ecke des Raums. Wir stoßen auf Reliefs mit Halbakten, die sich harmonisch in die Bilderzyklen eingliedern, wir registrieren eine stattliche Anzahl von Kopfsteinen in unterschiedlichen Versionen – konzipiert als Installation und platziert in einem Regal, das zur Konzeption dieser Ausstellungsstätte, einem ehemaligen Industriebetrieb, hervorragend passt und welches 6 unterschiedliche Blickwinkel auf die einzelnen Exponate ermöglicht. Nebenbei: Was mich erfreut und die männlichen Besucher sicherlich auch, das ist die Tatsache, dass bei den Kopfsteinen und Köpfen es auch Männer geschafft haben, in die von femininem Flair geprägte Ausstellung aufgenommen zu werden.

Zwei ernsthafte Anmerkungen noch zu den Vollplastiken: 1. MM hat von ihren Vollplastiken gezielt auch Köpfe ausgewählt – eine kleine, aber feine Auswahl. Und auch hier vorne bei den Köpfen ist die Anordnung alles andere als Zufall. Zusammentreffen, Blickkontakt, Begegnung auf Augenhöhe – das macht menschliches Miteinander aus. Und so scheint mir hier ein Wort des jüdischen Religions-philosophen Martin Buber zu passen: "Alles wirkliche Leben ist Begegnung." Und wenn Sie sich nachher dazugesellen, dann passt dieses umso mehr!


2. Des Weiteren dominieren in der Nische zur Feuertreppe hin zwei Damen in Bronze, einmal hell und ein zweites Mal dunkel patiniert, was zu unterschiedlichen Effekten und Wirkungen führt. Ihr Name: "Christine". Sie gibt es in einer Auflage von 10 Stück. Allen gemeinsam ist ihre Grundkonstitution: leicht gekippter Oberkörper, Stand- und Spielbein in absoluter Harmonie, eine durchgehende, aber unterbrochene Kante auf der Rückseite, was dazu einlädt, die Figur von allen Seiten zu betrachten und auf sich wirken zu lassen.


Christine gibt es aber auch auf Pappe bzw. auf Karton. Und damit sind wir bei den zweidimensionalen Werken dieser Werkschau angelangt. In dieser Kategorie hat MM für diese Ausstellung Schwerpunkte gesetzt und nach Wunsch des Hauses ältere wie neueste Werke ausgewählt. Einer der inhaltlichen Schwerpunkte erinnert an die Mühlheimer Ausstellung vor drei Jahren mit dem Titel "figurativ". Aus dieser Zeit ihres Schaffens hat MM nun neben den Christine-Plastiken ihre vielfältigen Studien zu den Plastiken dieser Zeit mitgebracht. Neben Christine waren es damals Sarah und Ingrid, die das Feld beherrschten. Bei den diesbezüglichen Studien handelt es sich um Arbeiten auf Pappe und Karton, meist im interessanten Format 70x25 bzw. 70x50. Neben den Motiven und den unterschiedlichen Perspektiven kommt hier hinzu, dass der Bildgrund in die Bearbeitung einbezogen wird: Die Kartonage wird aufgebrochen und in das Bildmotiv mit eingebunden. Das bearbeitete Trägermaterial führt dazu, dass eine Tiefenwirkung erzielt wird und das Prinzip der Zweidimensionalität gebrochen scheint.
Eine weitere Technik bzw. Vorgehensweise aus diesem Zeitraum können wir unschwer ausmachen: Die Figuren sind mit einem Raster überzogen worden, es sind Schemata in unterschiedlicher Form, Größe und Dichte. All diese Muster führen bei den Bildern dazu, dass sie an Tiefe gewinnen und wir beim Betrachten die Figuren jeweils von innen her auf uns zukommend wahrnehmen.
Nun zu den neuesten Arbeiten von MM: Es sind mal wieder Frauen, die es ihr angetan haben. Im vergangenen Jahr hat die GEDOK Stuttgart, die Gemeinschaft der Künstlerinnen und Kunstfreunde, zu einer Mitgliederausstellung eingeladen, die in der Vorweihnachtszeit stattfand. Die Vorgaben waren: das Thema: "Boxenstopp" – das Format: 25x25x1 cm. Die eingegangenen Arbeiten wurden in Kisten gepackt, je eine Arbeit mit je einer Arbeit aller teilnehmenden Künstlerinnen. Dies ergab Kisten voll von unterschiedlichsten Kunstwerken, multimedial, multistilistisch, multiartistisch – sogenannnte "Wunderkammern-to-go" oder "Take-away-Kunstkabinette". Mit die Absicht war, diese Kisten als 8 Weihnachtsgeschenke anzubieten und so zu signalisieren, dass sich ein Boxenstopp bei der GEDOK durchaus lohnt


Und was fällt unserer Künstlerin MM dazu ein? Nichts Besseres als die Fokussierung auf eine fragwürdige, etwas skandalträchtige Seite des Formel-1-Geschehens: die sogenannten "Grid Girls", zu Deutsch: "Boxenluder". So wurden bislang die meist spärlich bekleideten Damen bezeichnet, die im Renn- und Motorsport bei Siegerehrungen, Presseterminen und TV-Auftritten mit dabei waren. Deren Funktion war eigentlich gleich null; aber als Hingucker fungierten die Model-Typen durchaus. Nicht wenige junge Frauen haben auf diese Weise Karriere gemacht und den Sprung in die Promi-Welt geschafft, viele wurden aber auch in Skandale verwickelt und wurden zu Opfern der Medien.
Maria hat mir im Herbst letzten Jahres eine ihrer Boxenluder zugesteckt. Und für mich war klar: Das war der Start in eine neue Schaffensphase – eine weitere Auseinandersetzung mit dem weiblichen Körper. Und auf der Plattform der zunächst kleinformatigen Bilder entstanden größere Arbeiten im Quadrat, dann aber auch – der Körperform angepasst – die schlanken Hochformate, präsentiert hier an der Außenwand und nahe der beiden Christine-Torsi. Auch da entdecken wir Mischtechniken auf Wellpappe, die teilweise vorab gerupft wird, um so Farbe einarbeiten zu können, was entsprechende Schattierungen hervorruft. Andere Arbeiten sind gespachtelt und wirken durch die Dichte des Materials.

Und eine weitere Machart darf nicht fehlen: Drucke auf Leinwand, die teilweise nachträglich bearbeitet wurden. Aufgelockert wird die Serie durch Motive, die mehr an Anatomie und Röntgenaufnahmen erinnern. Aber eine stilisierte Wirbelsäule lässt sich eben gut mit dem Körper einer schlanken Frau zu einem harmonischen Ensemble zusammenfügen.
Was diese Serie prägt, ist zudem die Farbgestaltung. Rot, Orange bis hin zu Lila-Tönen. Wer hätte diese Töne bislang bei MM vermutet? Eigentlich sind es doch gar nicht ihre Farben, könnten wir meinen. Doch vielleicht braucht man ein gewisses Alter und eine gewisse Reife, um sich unabhängig und gelassen einem Motiv wie dem Boxenluder zu widmen und das Ganze noch mit teils schreienden Farben hervorzuheben. Manchmal entstehen Werke eben aus einer bestimmten Stimmung heraus und Farben werden hin und wieder auch gegen eine präferierte Richtung verwendet, um Akzente zu setzen. Aber, was diese Dinge betrifft, können Sie die Künstlerin nachher ja selbst mal befragen!
Ein letzter Hinweis noch zu dem Thema: Am 01.02.2018 wurde verkündet, dass die Formel 1 ab sofort im Rennsport auf Grid Girls verzichtet. "Wir glauben nicht, dass dieser Brauch passend oder bedeutend für die Formel 1 und ihre bisherigen und künftigen Fans in aller Welt ist", verkündete der Formel-1- Marketingchef. Ich fragte mich damals sofort: Hängt das mit Marias Boxenluder zusammen? Ist es ihr gelungen, die jahrelangen Diskussionen mit Hilfe von ein paar Bildern zu beenden und eine Entscheidung herbeizuführen? Um nicht enttäuscht zu werden, habe ich bei der Formel 1 nicht nachgefragt. Und so kann ich für mich behaupten: Ja, die Boxenluder sind Geschichte. Marias Bilder aber sind Dokumente einer abgeschlossenen Ära und die Künstlerin hat mal wieder ein Gespür gehabt für Aktuelles und hat zur richtigen Zeit das Richtige getan.
Doch nun zu den ausgestellten Bildern im Treppenhaus sowie in der Hälfte des Raums zur Straße hin: Diese Werke stammen meist aus einer früheren Phase, in der sich MM intensiv mit der Pflanzenwelt beschäftigte. Sie hat aber nicht nur Pflanzen realistisch gemalt, sondern sich intensiv mit den Seinszuständen von Pflanzen auseinandergesetzt. Schon die von ihr gewählte Bezeichnung "Pflanzliches" deutet auf Sonderformen bzw. auf eine weitere Ebene hin. Alles, was mit Wesen und Sein einer Pflanze zusammenhängt, wird ins Bild gesetzt, folglich geht es um Wachsen und Blühen, aber auch um Verdorren und Erstarren. Und so werden Pflanzen vielmehr zum Symbol für Leben mit all den uns bekannten Facetten.


Wenn Sie nachher durch die Ausstellung gehen, werden Sie sehr wohl spezifische Pflanzenformen entdecken, teilweise in Kombination mit Gegenständen. Sie werden aber auch herausfinden, dass sich Formelemente wiederholen, überlappen und durch Farbnuancen voneinander abheben, was dazu führt, dass die Fläche in Bewegung zu geraten scheint. In anderen Bildern wiederum verschwinden die konkreten Formen nahezu, sodass eine exakte Zuordnung nur schwer möglich ist, die Andeutungen darüber hinaus aber zum individuellen Interpretieren einladen. Im Jahr 2012 hat MM einen Katalog mit dem Thema "Pflanzliches" herausgegeben. Dort finden Sie zu diesem Teilbereich nahezu 60 Abbildungen ihrer Werke mit entsprechenden Erläuterungen. Diese Schrift sowie weitere Veröffentlichungen von MM werden im Rahmen dieser Ausstellung zum Kauf angeboten. Sie liegen auf dem kleinen Tisch im Eingangsbereich aus. Der Erlös dieser Aktion kommt ausschließlich dem Palliativnetz des Landkreises Tuttlingen zugute.
Eingebettet in diese Serie sind zwei neue Arbeiten: Nr. 25 und 26. Ausgehend von zwei Bildern der Kategorie "Pflanzliches" wurden die Motive fotografiert und auf Leinwand gedruckt. Doch damit war die Sache noch lange nicht erledigt. MM hat die Fotoprint-Version überarbeitet, d.h. sie hat auf der Leinwand in die Pflanzenwelt das Motiv der weiblichen Körperform buchstäblich hineingearbeitet. Das Vorgehen ist vergleichbar mit einem Update. So wie im Berufsleben Fort- und Weiterbildung dazu führen, wieder auf dem neuesten Stand zu sein, so werden die älteren Bilder wie bei einem Computerprogramm aktualisiert und auf einen neuen Level gehoben.


Die Wirkung auf mich war und ist, wie es der Titel verrät: "Flowerpower" oder sagen wir auch: "Frauenpower". Testen Sie nachher selber: Da werden in Erinnerung an die 60er Jahre imaginäre Kräfte freigesetzt, Aufbruchstimmung und Dynamik werden spürbar, es ist, als ob da etwas zu explodieren scheint und Bisheriges gesprengt wird. Und spätestens hier sind wir wiederum beim Thema "Wechselwirkung". So wie die Wissenschaft der Physik widerspruchslos lehrt, dass sämtliche Prozesse durch fundamentale Wechselwirkungen ausgelöst werden, z.B. Gravitation oder Magnetismus, so wirken diese Bilder wie physikalische Grundkräfte. 11.
"Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar." Dieses Zitat von Paul Klee ist der Start in die beachtenswerte Homepage von MM. Und in diesem Sinne habe auch ich versucht, mit meinen Ausführungen dazu beizutragen, dass die hier präsentierte Kunst für Sie sichtbar, erfahrbar und erlebbar wird. Und Ihr Beitrag dazu ist, nachher selber mögliche Spielarten von Wechselwirkung zu erproben: D.h., vergleichen Sie motivgleiche Bilder und Objekte, ursprüngliche Originale und Reproduktionen, lassen Sie zwei- und dreidimensionale Werke auf sich wirken, betrachten Sie die Maries, Horsts und Mikes von allen Seiten, entdecken Sie die musikalischen Hände der Pianistin Henriette Gärtner, fragen Sie nach Giacometta, spüren Sie die unterschiedliche Strahlkraft der Kopfsteine in Bronze, Betonguss und Gips auf und tauschen Sie sich gegenseitig dazu aus.

Und zu guter Letzt: Liebe Maria, herzlichen Glückwunsch zu dieser deiner Ausstellung. Du hast deine Exponate nicht nur sensibel ausgewählt, sondern auch subtil arrangiert. Die Ausstellung hat wirklich Charme – nicht nur wegen des dominant Weiblichen. Und so will ich mit einem Wort von Papst Franziskus aus dem aktuellen Kinofilm schließen. Am Ende der Papst-Dokumentation von Wim Wender versteckt der Papst ein Kompliment an den Filmemacher. Er sagt: "Ein Künstler ist ein Apostel der Schönheit, der uns anderen hilft zu leben." Maria, genau das ist dir trefflich gelungen! Besten Dank für Ihre Aufmerksamkeit, viel Freude hier im Haus auf beiden Stockwerken und Ihnen allen einen unterhaltsamen, kurzweiligen Abend!
Gerhard Liehner
